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Afrikanischer Riesentausendfüßer - Archispirostreptus gigas

 Systematik

Archispirostreptus gigas

Ordnung :

Spirostreptida

Familie :

Spirostreptidae

Gattung :

Archispirostreptus

Art :

Archispirostreptus gigas

 

 

Trivialname

 

deutsch :

Afrikanischer Riesentausendfüßer

englisch :

Giant African millipede

französisch:

Myriapodes

swahili :

 

 Vorkommen

Afrotropische Art, die südlich der Sahara im östlichen Afrika beheimatet ist. Die Verbreitung reicht von Kenia, Tansania, Mosambik, Sambia, Simbabwe bis in den nördlichen Teil der Republik Südafrika. Bevorzugt werden Landschaften mit offenen Trockenwäldern, Gras- und Buschsavannen mit ausreichenden Trocken- und Regenperioden.

Fundort

 

Nordost- bis Südostkenia und überwiegend  in der Küstenregion.

 

Ökologie

Die Arbeit der Tausendfüßer oder das ökologische Wunder von Bamburi

Nach dem Abbau seiner Kalksteinbrüche entschloss sich die Bamburi Zementfabrik 1971 das gesamte Gelände zu renaturieren. Man begann somit an der Küste zwischen Mombasa und Kilifi mit großen Ideen ein riesiges Wiederaufforstungsprogramm. Beauftragt wurde damit den Schweizer René Haller diese ökologische Leistung zu vollbringen. Zuerst wurden die schnellwüchsigen und ausdauernden Casuarina-Bäume gepflanzt, ergänzt mit vielen anderen einheimischen Pflanzen. Das Geheimnis der schnellen Renaturierung der Böden gelang aber nur durch den verstärkten Einsatz des kenianischen Tausendfüßers Archispirostreptus gigas. Durch die Nahrungsaufnahme der abgestorbenen Blätter des Casuarina-Baumes, sie sind fest wie Nadeln, produzierte er mit seinen Ausscheidungen einen wertvollen Naturdünger und veredelte somit den kargen Boden mit einer wertvollen Humusschicht. Wo immer man dieses Tier in Kenia auch antrifft, man sollte es nicht mit “Ekel” betrachten, sondern mit Würde, schon allein für seine wichtigen ökologischen Aufgaben in der Natur Kenias. Das sollte man immer beachten, wenn man als Urlauber diesem “Biogärtner” unter den Tieren begegnet.

Diese Art wird unter Liebhabern auch in Deutschland als exotisches Heimtier gepflegt und gezüchtet. Da aber Nachzuchten leicht möglich sind, kann man auf Wildfänge verzichten und sich die Entnahme aus der Natur sparen. Im übrigen ist ja auch die Ausfuhr von Tieren und Teilen von den Tieren in Kenia streng verboten.

Erfahrungsbericht über den freilebenden Tausendfüßer Archispirostreptus gigas in Kenia von 2007 und 2010

Ich habe noch nie auf einer Ostafrika-Reise eine so hohe Anzahl an Tausendfüßer gesehen wie im April 2007 und im Juni 2010. 2010 konnte ich 62 verschiedene Tiere in 15 Tagen beobachten und vermessen. Es mag auch daran liegen, dass zu diesem Zeitpunkt die Regenzeiten  sehr ausgeprägt waren. Sie waren zwar nachts noch wesentlich aktiver, man mußte richtig aufpassen, sie beim Laufen nicht zu zertreten, doch auch tagsüber zeigten die Tausendfüßer ein reges Treiben. Man sah sie nicht nur unter Laub oder Gehölzen sondern auch sehr aktiv im offenen und feuchten Gras und in Sträuchern. Oft sah ich die Tiere auch an den hellen Häuserwänden in den frühen Vormittags- und späten Nachmittagsstunden entlang laufen. Häufig hatte ich den  Eindruck relativ junge Exemplare zu sehen, denn sie hatten höchsten eine Körperlänge von 15 - 25 cm. Das größte Exemplar sah ich an einen Baumstamm hochlaufend mit einer Größe von etwa 34 cm im April 2007.

 Beschreibung

Archispirostreptus gigas ist mit einer Körperlänge von 25 - 32 cm und einer Breite von etwa 20 mm der größte Tausendfüßer in Afrika. Die Anzahl der Segmente liegt bei 60 - 70.

Der Körper ist überwiegend mattschwarz, kann aber je nach geografischer Herkunft auch schwarzbraun gefärbt sein. Die Antennen und Beine sind dagegen heller und meist rost- bis kupferbraun in der Färbung. Die Ringe sind rotbraun bis rotorange und setzen sich nicht selten deutlich von den Segmenten ab.

Man wird es kaum für möglich halten, dass derartige Tiergruppen sehr alt werden können. Archispirostreptus gigas beweißt es aber mit seinen etwa 10 Jahren der Lebenserwartung.

Verhalten

Wie viele Tausendfüßler, ist auch diese Art dämmerungs- und nachtaktiv und vergräbt sich gerne unter Holz und Laub, wir sahen ihn in Kenia auch zwischen Steinen versteckt, damit er nicht der heißen Sonne ausgesetzt ist. Je nach den Klimaverhältnissen sind sie auch tagaktiv bei sehr hoher Luftfeuchtigkeit und niedrigeren Temperaturen von 24 - 32 Grad C. Er bevorzugt zwar auch das feuchtwarme Klima kommt aber in extremen Situationen mit Trockenzeiten klar.

Bei Gefahr kann diese Art ein nicht ungiftiges Abwehrsekret ausscheiden. Weshalb die Anzahl der Fressfeinde sehr gering ist. Einer der größten Feinde von Archispirostreptus gigas ist die nachtaktive Raubwanze Ectrichodia crux die mit ihrem stark lähmenden Gift auf Tausendfüßer spezialisiert ist.

Auch wenn diese Art in ihrer Lebensweise recht friedlich ist und im Gegensatz zu anderen Arten nicht aggressiv zu sein scheint, kann das bei Gefahr abgesonderte Abwehrsekret starke Hautreizungen auslösen. Um seinen Urlaub nicht zu gefährden wäre es daher ratsam die Tiere in Ruhe zu lassen und nicht anzufassen. Kinder sollten deshalb darüber aufgeklärt sein jeden Hautkontakt zu vermeiden.

Fortpflanzung

Obwohl die Paarungszeit ganzjährig sein kann, so liegt sie doch meist in der jeweiligen regional unterschiedlichen Regenzeit, denn Paarung und Eiablage unterliegen bestimmten klimatischen Gegebenheiten. Das Klima ist in den Regenzeiten zwar kühler als in den trockenen und heißen Monaten aber die Notwendigkeit einer feuchten Erde und eine wesentlich höhere Luftfeuchtigkeit begünstigt das Fortpflanzungsverhalten. Ein Gelege kann einige hundert Eier umfassen. Die Jungtiere schlüpfen nach etwa 4 - 8 Wochen. Nach dem 2. Lebenjahr können die Jungen von Archispirostreptus gigas allmählich in die Zeit der Geschlechtsreife kommen.

Nahrung

Diese Art ist ein Allesfresser mit dem Hauptbestandteil vegetarischer Kost. Von Laub, Blüten, Nadeln (Casuarina-Baum) am Boden , Holz und Früchten bis zu frischen Blätter und jungen Trieben reicht der Speiseplan. Nicht selten konnte ich auch beobachten, wie sie die Reste der Primatennahrung aufnahmen.

 

Angaben zu den Tieren und den Klimaverhältnissen im Juni 2010

Die Tagestemperaturen schwankten von 23 - 30 Grad C. Nachts lagen die Werte bei 19 - 24 Grad C. Die ausklingende Regenzeit brachte aber an der kenianischen Südküste fast täglich noch in den Vormittags- und Nachmittagsstunden zum Teil ergiebige Niederschläge, die Luftfeuchtigkeit lag bei 72 - 94 %. Am Fundort der Tausendfüßer gab es am Boden Temperaturen von 23,5 bis 25 Grad C. Die Außentemperatur der Tiere am Boden lag konstant bei 24,2 - 24,8 Grad C.

Im Zeitraum von 15 Tagen wurden 62 Exemplare von Archispirostreptus gigas beobachtet und 51 konnte ich vermessen.

Die Tiere hatten folgende Körperlängen:

> 31,5 cm

01 Exemplar

> 29,0 cm

05 Exemplare

> 26,0 cm

21 Exemplare

> 25,5 cm

18 Exemplare

> 25,0 cm

04 Exemplare

> 23,5 cm

02 Exemplare

Archispirostreptus gigas

Archispirostreptus gigas der Afrikanische Riesentausenfüßer

Archispirostreptus gigas

Archispirostreptus gigas

Der Riesentausendfüßer hat zwar eine bodenständige Lebensweise, ist aber auch ein ausgezeichneter Kletterer, der keine Höhen scheut. Ich beobachtete sogar wie einige Exemplare die an den Hauswänden eines Bungalows ziemlich zügig hochliefen, um dann über das Dach zu verschwinden.

Archispirostreptus gigas

Auch auf Bäumen und Sträuchern kann man sie entdecken.

Archispirostreptus gigas

Noch ein nächtlicher Kletterer der eine hohe steile Wand aus Naturstein erklimmt.

Archispirostreptus gigas

Junge Bougainvillea-Blätter scheinen besonders gut zu schmecken.

 

Fotos : (c) Michael Kürschner

Reiseerlebnisse mit dem Tausendfüßer

Archispirostreptus gigas in Kenia

 

Archispirostreptus gigas

Auf meiner ersten Keniareise hatte ich 1995 auch meine erste Begegnung mit diesen Vielfüssigen Krabbeltieren die tagsüber versteckt unter Sträuchern zu sehen waren. Mir war zwar die Existenz solcher Tiere bekannt, aber gesehen hatte ich sie noch nie. Jetzt sah ich sie in freier Natur und in voller Größe aus nächster Nähe und von diesem Moment war ich so fasziniert, dass ich mich auf den folgenden Reisen näher mit den Tausenfüssern beschäftigen wollte.

Im Januar 1995 war es im kenianischen “Hochsommer” viel zu warm und zu trocken. Bei Temperaturen um 35 - 40 Grad C konnte ich nur sehr wenige Exemplare sehen. Das änderte sich aber auf den folgenden Reisen in den Monaten März - Oktober. In diese Zeit fallen auch die kleineren und größeren Regenzeiten. Die Temperaturen werden angenehmer bei 25 - 32 Grad C. Die Luftfeuchtigkeit ist deutlich höher und die Fülle der Nahrungsangebote ist riesig. Tausendfüsser lieben das feuchtwarme Klima und zeigen sich in diesen Jahreszeiten in voller Aktivität. Jetzt kann man sie auch tagsüber beobachten, auch wenn sie eher dämmerungs- und nachtaktive Tiere sind. Wenn man nach Sonnenuntergang bei mangelnden Lichtverhältnissen unterwegs ist, sollte man nicht auf eine kleine Taschenlampe verzichten um bösen Überraschungen zu entgehen, denn bei günstigen Witterungen können die Tausenfüsser so aktiv sein, dass sie vielfach auch auf unseren Wegen wandern um an günstige Futterstellen zu gelangen. Ich habe zu genüge zertretene oder überfahrene Tiere gesehen.

Neben der abgebildeten Art Archispirostreptus gigas gibt es noch zahlreiche andere Arten. Sie fallen weniger auf, weil sie entweder versteckter leben oder eine überwiegend nächtliche Lebensweise haben. So ist der imposante schwarze Riesentausendfüßer, der von den Einheimischen belächelnd auch “Malindi Express” genannt wird, die von Reisenden am meisten erlebte Art, die man bei günstigen Klimaverhältnissen täglich erleben kann in den großen Gärten der Hotel- und Lodgeanlagen. Außerhalb von Kulturlandschaften sieht man ihn auch in mit Sträuchern bewachsenen Graslandschaften und in lichten Wäldern.

Im September/Oktober 2008 erlebte ich diese faszinierenden Krabbler besonders aktiv. Auch wenn sie bodenbehaftet sind, sah ich viele Tiere, wie sie auch über 3 Meter hohe Hauswände und Mauern hochkletterten. Sie überwanden so die von Menschen geschaffenen Hindernisse mühelos. Darüber hinaus müssen sie auch sichere Kletterkünstler sein, denn selbst vollzogene Paarungen konnte ich tagsüber an den Mauerwänden beobachten.

Neben Tausendfüßer die ausschließlich auf Bäumen leben, nutzen auch die schwarzen Riesentausendfüsser die Möglichkeit auf Bäume und Sträucher zu klettern, wenn zum Beispiel ein leckeres Futterangebot lockt. Im Juli 2010 beobachtete ich den “Malindi Express”  auf 150 cm hohen Bougainvillea-Hecken, wie sie junge Blatttriebe genüßlich im späten Licht der untergehenden Sonne verspeisten. Ansonsten fressen sie Baumfrüchte und pflanzliche Reste die sie am Boden finden. Für den ökologischen Kreislauf der Böden sind sie in Ostafrika ein wichtiger Bestandteil, denn ihre Ausscheidungen veredeln den Boden biologisch und weil es in Kenia keine Regenwürmer gibt die die  Erde verbessern können, haben Tausendfüßer eine wertvolle biologische Funktion.

Archispirostreptus gigas

Archispirostreptus gigas
Archispirostreptus gigas

Bei Gefahr oder in Ruhestellung rollt er sich wie eine Schnecke zusammen mit den Beinpaaren nach innen gestellt.

Wenn das feuchtwarme Klima und die Chemie stimmt, kommt für die Tausendfüßer die Paarungszeit.

Paarungszeit  bei Matsch und nächtlichem Regenwetter.

Wohl jeder Keniareisende ist schon einmal einem solchen Tier begegnet, manche beachten sie kaum, manche ekeln sich davor und machen eher einen großen Bogen um diese Tiere. Es gibt aber auch Zeitgenossen die solch ein Tier töten, wenn es in Hotelzimmernähe oder im Bungalow auftaucht.

Der berühmte “Malindi Express” ist zwar absolut ungefährlich und meidet eher die Begegnung mit uns Menschen. Aber Vorsicht ist dennoch angebracht, wenn man sie anfaßt können viele Arten zur Abwehr vor Gefahren ein sogenannten Abwehrsekret ausscheiden mit den Folgen schmerzlicher Hautreizungen. Vor einigen Jahren hatten mir Einheimische derartige Hautverletzungen gezeigt und höllische Geschichten erzählt. Auch wenn man nicht jede skurile Erzählung  auf Wahrheit überprüfen kann, sollte man trotzdem nicht jedes Tier anfassen oder ärgern. Meine Kinder haben diese Tiere auch erleben können und hatten ihre Freude an den Tausendfüßer ohne anzufassen. Nach meinen Erfahrungen ist es besser, wenn man diese Tiere in Ruhe läßt. Sie gehören wie die großen Tiere auf den Safaris zur Natur Ostafrikas und als Feriengast in Kenia oder Tansania kann man sich beruhigend an diesen Tausendfüßer erfreuen und viele sind so faszinierend hübsch, dass sie auch ein Foto wert sind für die Erinnerungen an einen traumhaften Urlaub. Schützen wir diese ökologisch wertvollen Tiere, geben wir auch einem Beitrag zum Erhalt der afrkanischen Natur.

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